Enricos Reisenotizen

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Die 80er kommen wieder!

Dirosapocalypse von Hervé di Rosa, The 80s in der Albertina modern.Dirosapocalypse von Hervé di Rosa, The 80s in der Albertina modern.

Die 80er. Im Museum! Mein Gott, schön langsam werde ich alt. Vielleicht sehe ich die Ausstellung daher auch mit ganz anderen Augen!

Die 80er! Was war da nicht alles los! Ich kann nicht anders, ich muss euch vorab erzählen, was da alles passierte. Vielleicht kann man auch nur dann die Ausstellung so toll finden, wenn man hier mittendrin war.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung "The 80s" in der Albertina modern

1980 war ich gerade mal 21 Jahre, Publizistik-Studentin, hatte meinen ersten Job in einer Werbeagentur bevor ich schließlich Studium schmiss (mein Vater hatte keine Wurstfabrik :-)), und schließlich bei BASF anheuerte. Bei den „Kreativen" der BASF. Bei jenen, die damals noch Tonbänder, Musikkassetten und auch schon Videocassetten herstellen. Wer weiß heute schon, dass die Badische Anilin und Sodafabrik auch im Schallplatten- und Gerätegeschäft war? Ich habe es auch erst in meinen ersten Arbeitstagen mitbekommen, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Aufbruch jedenfalls war angesagt. In Wien wurden die Gehsteige zunehmend nicht mehr um 18:00 Uhr hochgeklappt, sondern man traf sich im Engel oder im KrahKrah im Bermudadreieck. Oder ging auf ein Sekterl in die Reissbar, später ging sich vielleicht noch ein Absacker in der Loos- oder in der Hemingway Bar aus. Die Stadt wurde internationaler, verlor einiges von ihrem dörflichen Mief, im Radio sang Hansi Lang „Ich spiele Leben". Ja, und irgendwie spielten wir das alle. Es konnte nur besser werden. Weltoffener, alle eine große Familie.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Dabei haben wir allerdings einiges übersehen: Mit Ronald Reagan kam nicht nur ein Western-Schauspieler in den USA an die Macht, sondern auch der Neoliberalismus machte sich breit. Magret Thatcher bewies in Großbritannien was auch in Europa alles möglich ist und auch, dass eine Lady Kriege führen kann. Auf Papst Johannes Paul II wurde ein Attentat verübt, AIDS als pandemische Krankheit anerkannt, Helmuth Kohl kam in Deutschland an die Macht und Michail Gorbatschow wurde Generalsekretär der KPdSU. Mit Perestroika und Glasnost sah es dann aber plötzlich wieder nach einer besseren Welt aus.

Blick in die Ausstellung, David Salla

Es passierte der Supergau in Tschernobyl und wir als überzeugte Atomgegner hatten es bereits schon immer gewusst, dass diese Technologie nicht zukunftsfähig war. Erinnert sich heute vielleicht noch irgendwer daran? Übrigens: In manchen Gebieten sind die Eierschwammerln noch immer belastet - auch hier …

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

In Österreich gab es die Waldheim-Affäre, George Bush löste Ronald Reagan in der Präsidentschaft ab und mit dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens sah man, dass sich doch nicht alles zum Guten entwickelte.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Doch das Jahrzehnt schloss mit zwei besonderen Highlights ab: Meine Tochter wurde geboren und politisch kam es zur Öffnung des Eisernen Vorhangs und zum Fall der Berliner Mauer. Die Aufbruchstimmung war wieder da. Alle war mögich.

Sandro Chia, Verso Damasco
Sandro Chia, Verso Damasco

Erinnert ihr euch noch an Popper, Punker und Yuppies? An euren ersten PC, an den C4 oder den Macintosh, Atari, Game Boy? An die Vierteltelefone und die Größe der ersten „Mobil"telefone?

Blick in die Ausstellun
Blick in die Ausstellung

Wir sahen Grönemeyer in Das Boot, den Monaco Franze, Kir Royal, Dornenvögel und Alf. Doch bei Dallas und Denver Clan hätten wir schon aufmerken müssen, aber nein – wir fanden die korrupten „Banden" großartig. So wie Magnum, Max Headroom, Miami Vice oder Knight Rider. Rainhard Fendrich sang schon damals vom Tango korrupti ...

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Es gab Aerobic, Breakdance, Abba und die Dire Straits, aber es wurde John Lennon in NY erschossen und Bob Marley starb.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Es war die Zeit der großen Benefizprojekte für Afrika wie Band Aid, USA for Africa, oder Live Aid. Irgendwie waren wir dabei die Welt zu verbessern, aber leider viel zu naiv. Vielleicht auch viel zu oberflächlich: Anything goes…

Maria Lassnig
Maria Lassnig

Wer also in diesen 10 Jahren seine Jugend verbracht hat und sich noch einmal an dieses Gefühl erinnern möchte, muss in die Ausstellung.

Hervé di Rosa - Detail
Hervé di Rosa - Detail

Es sind für mich die bunten, leuchtend schreienden Bilder, die dieses Gefühl widerspiegeln. Das Spielen mit unterschiedlichen Konzeptionen, das Nachahmen, das Vorausschauen, aber auch das sichtbar machen, dass da was begann schief zu laufen. Obwohl Klaus Schröder bei seinem Eröffnungsstatement meinte, dass in den Bildern auf keine politischen oder gesellschaftlichen Strömungen eingegangen wird – außer Aids – finde ich das nicht. Die Bilder sind diese Strömungen – durch und durch. Die Kritik äußerst sich jedoch versteckt, in Details, nicht vordergründig.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Schließlich waren wir „Kinder der 80er" ja überzeugt, dass sich alles zum Guten wenden würde. Und eine Zeitlang sah es ja nicht so schlecht aus. Die Strömungen in die falsche Richtung versuchte man zu ignorieren. Sie würden eine Irrung der Zeit sein, dachte man, doch leider haben sich einige festgesetzt, sind stärker geworden und haben sich ausgebreitet. Die Ich-Gsellschaft entstand, der Leistungsdruck wurde immer größer. Wer will, kann auch so hieß es. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Die Statistikauswertung des Traums, viele Tellerwäscher aber kaum Millionäre interessierte nicht.

Und genauso wie die Kunst mit ihren unterschiedlichen Konzepten, Ansätzen, Umsetzungen auseinander driftete, driftete auch die Gesellschaft über kurz oder lang auseinander. Das Ergebnis können wir täglich auf Facebook nachlesen. Es war die Zeit, die begann einen unbedingten, durch nichts aufzuhaltenden Individualismus zu fördern, der aber – wie in der Kunst der 80er – durch Gemeinschaftsprojekte damals noch abgefedert wurde. .

Keith Haring
Keith Haring

Aids aber war individuell, es konnte jeden treffen. Auch wenn es anfangs als Geisel Gottes und Homokrankheit abgetan wurde. Bald stellte sich heraus, dass es auch Heteros treffen konnte. Erstmals nach der Revolution durch die Pille musste wieder „aufgepasst" werden.

Bruce Nauman, Sex and Death by Murder and Suicide
Bruce Nauman, Sex and Death by Murder and Suicide

In der Ausstellung der Albertina Modern ist nun alles zu sehen: Die „Neonröhren" von Bruce Nauman (was hätte ich damals nur gegeben, um dieses leuchtende, flackernde Bunt in meine Wohnung zu bekommen), die Welt der „Außerirdischen" – Dirosapocalypse von Hervé Di Rosa, die kleinen Männchen von Keith Haring, aber auch „Bear and Policeman" von Jeff Koons, eine Holzskulpur, die einen Bären zeigt, der anscheinend einem Polizisten gerade sein Pfeiferl abgenommen hat. Will er ihm damit vielleicht nicht doch sagen, dass wir ab nun auf die Obrigkeit pfeifen??

Jeff Koons, Bear and Policeman
Jeff Koons, Bear and Policeman

Es gibt noch viel mehr zu entdecken: So auch Martin Kippenbergers Skulptur „Martin, ab in die Ecke und schäm dich" – kein Zitat an Erziehungsmethoden? In meiner Kindheit war dies als Erziehungsmittel noch gang und gäbe.

Isolde Maria Joham - Electric Rider
Isolde Maria Joham - Electric Rider

Wunderbar auch die „Les demoiselle d'Avignon" von Picasso, die Mike Bidlo eins zu eins abmalte, aber dann „Not Picasso" nannte. Auch der „Electric Rider" der Österreicherin Isolde Joham, die einen Filmstill aus „The Electric Horseman" mit Robert Redford und Jane Fonda verarbeitete.

Helmut Middendorf - Electric night
Helmut Middendorf - Electric night

Nicht vergessen will ich auch die wunderbare Maria Lassnig, deren Werke ich viel zu spät kennenlernte, den von seiner eigenen Schönheit vielleicht begeisterten Don Quijote von Izhar Patkin, Sandro Chia, Jenny Holzer & Sandra Fabara, Franz Gertsch oder Gilbert & George.

Izhar Patkin - Don Quijote Segunda Parte
Izhar Patkin - Don Quijote Segunda Parte

Es sind über 160 Arbeiten zum Bewundern, Bestaunen, Erinnern und sich daran zu freuen. Lasst euch die Show nicht entgehen, wenn ihr ungefähr so alt seid wie ich. Wenn ihr jünger seid, geht einfach auch hin, vielleicht versteht ihr dann eure Eltern ein wenig besser, wenn sie wieder mal von ihrer Jugend „schwafeln" :-)

Mike Bidlo - Not Picasso
Mike Bidlo - Not Picasso

So dies war jetzt einmal eine ganz persönliche Schilderung meines Besuchs. Wen die kunsthistorischen Bedeutungen interessieren, der nimmt sich einfach einen Audio Guide, meldet sich für eine Führung an oder studiert zumindest die Saaltexte. Ich wünsche auf jeden Fall viel Spaß.

Herbert Brandl / Franz West
Herbert Brandl / Franz West

 „The 80s. Die Kunst der 80er Jahre" läuft in der Albertina modern vom 9.10.2021 bis 13.2.2022. Zur Ausstellung ist ein Katalog in Deutsch und Englisch erschienen, der im Shop der Albertina oder Online unter www.albertina.at erhältlich ist.

Gilbert & George - We are
Gilbert & George - We are

Die Albertina modern ist täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet.

Jenny Holzer & Sandra Fabara
Noch mehr Dinos – im Naturhistorischen Museum
Ein Neuer im Naturhistorischen Museum Wien

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