Enricos Reisenotizen

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Dalí und Freud. Eine Obsession.

Dalí und Freud im Unteren BelvedereDalí und Freud im Unteren Belvedere

Das Untere Belvedere öffnet nach der Renovierung wieder seine Pforten. Noch dazu mit einer Pflichtausstellung für mich: Salvador Dalí. 

Ich liebe Bilder, die man nach eigenem Gutdünken interpretieren kann und die noch dazu gegenständlich und zumindest ein wenig nach dem Stil alter Meister gemalt wurden. Keine Frage also, dass ich die Schule des Wiener Phantastischen Realismus und auch den Werken der Surrealisten viel abgewinnen kann. Wobei die Maler René Magritte, Max Ernst und eben Dalí zu meinen ganz besonderen Favoriten zählen. Mit der surrealistischen Literatur, dem automatischen Schreiben, aber auch mit den Filmen (von denen auch einer in der Ausstellung im Belvedere gezeigt wird) tue ich mich im Verständnis schon um einiges schwerer. Und Joan Miró gefällt mir zwar, aber dennoch erfreue ich mich eher an gegenständlichen Bildern.

Schwäne spiegeln Elefanten wider © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022 / Foto: Robert Bayer, Bildpunkt
Schwäne spiegeln Elefanten wider © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022 / Foto: Robert Bayer, Bildpunkt

Der Surrealismus war nach Dada eine Revolution der Künstler gegen den Zustand der westlichen Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts und zeichnet auch die Empörung darüber aus, dass die „angeblich weitentwickelte" Zivilisation fähig war, einen an Gräueln reichen 1. Weltkrieg anzuzetteln. So schrieb André Breton, der als Begründer des Surrealismus gilt in seinem Manifest:

„Wir leben noch unter der Herrschaft der Logik … Der absolute Realismus, der weiterhin Mode ist, erlaubt nach unserer Erfahrung die Betrachtung uns betreffender Tatsachen nur in einem sehr beschränkten Rahmen .. . Unter dem Banner der Zivilisation, unter dem Vorwand des Fortschritts haben die Menschen es fertiggebracht, etwas aus dem Geist zu verbannen, das – zu Recht oder zu Unrecht – als Aberglaube oder Hirngespinst beschuldigt werden könnte. Sie haben jede nach Wahrheit suchende Methode, die sich nicht in die Tradition einfügt, verbannt."

André Breton
Salvador Dalí begrüßt beim Eingang die Besucher
Salvador Dalí begrüßt beim Eingang die Besucher

Könnte es vielleicht sein, dass wir nun, am Beginn des 21. Jahrhunderts an einer ähnlichen Weggabelung stehen? Vielleicht fasziniert mich deshalb vieles am Surrealismus.

Sigmund Freud - skizziert von Salvador Dalí

Neue Wege waren damals also gefragt. Wie konnte man die innere Wahrheit finden? Das Unbewusste offen legen. Kein Wunder also, dass nicht nur Dalí, sondern auch schon Breton von den Methoden Sigmund Freuds fasziniert war. Breton las ebenfalls die Werke von Freud und beschreibt die psychoanalytische Technik der freien Assoziation, die er beim „automatischen" Schreiben nutzte.

Das Lobster-Telefon in der Ausstellung
Das Lobster-Telefon in der Ausstellung

Breton anerkennt in seinem Manifest auch ausdrücklich die Verpflichtung der Surrealisten gegenüber Freud, sowohl für die Erforschung des Traumes als auch für die grundsätzliche Theorie des Unbewussten. Freuds Theorie von der Vorherrschaft des Unbewussten durch die Sexualität und den Tod zeigt sich auch immer wieder in den Werken der Surrealisten mit ihrer Vorliebe für Erotik und makabren Stoffen und in deren Kombination.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Daher war es auch keineswegs überraschend, dass Salvador Dalí unbedingt mit Freud zusammentreffen wollte. Dalí entdeckte Freuds Schriften bereits 1920 und war fasziniert. So entwickelte er unter Beeinflussung der Theorien Freuds seine eigene Bildersprache und wollte Freud unbedingt von seiner „paranoisch-kritischen Methode" überzeugen und vom verehrten Professor auch Anerkennung für seinen künstlerischen Ansatz erhalten.
Dalí reiste nach Wien – doch es gelang ihm nicht mit Sigmund Freud zusammen zu treffen.

Dalí mit seiner Frau Gala
Dalí mit seiner Frau Gala

Er möchte ihn von seiner „paranoisch-kritischen Methode" überzeugen, Anerkennung für einen künstlerischen Ansatz erhalten, der auf den Theorien der Psychoanalyse basiert und den er für seinen größten und wichtigsten Beitrag zum Surrealismus hält. Doch es gelingt ihm nicht, den Vater der Traumdeutung kennen zu lernen. Erst ein Jahr später, 1938, Freud war inzwischen aus Wien nach London geflohen, erfüllte sich sein Wunsch. Es war das einzige Treffen zwischen Dalí und Freud und obwohl sich Dalís Wunsch bei diesem Besuch die Anerkennung des verehrten Übervaters zu erhalten nicht erfüllte, zeigte sich der Psychoanalytiker doch beeindruckt und schrieb am nächsten Tag an Stefan Zweig – der gemeinsam mit Edward James das Treffen arrangiert hatte – durchaus interessiert zu sein, die Entstehung eines surrealistischen Bildes analytisch zu erforschen.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Doch dazu kommt es nicht mehr, Freud stirbt im September 1939 an Gaumenkrebs.

Die Ausstellung im Unteren Belvedere ist vielleicht nicht ganz so groß wie man sie auf Grund der Werke Dalís erwarten dürfte, aber durchaus sehenswert. Gleich nach dem Eintreten begrüßt das Bildnis des jungen Salvador Dalí den Besucher und schreitet dann chronologisch mit seinem Leben fort. Die Ausstellungsstücke sind nicht wie üblich an den Wänden angebracht, sondern in eigenen „Bibliotheken", die inmitten des Raumes durch die Zeit führen, die durch Beschreibungen an den Wänden und die Projektion von Filmen erlebbar gemacht wird.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Bei den Bildern findet ihr jeweils kurze Beschreibungen, die auch immer wieder auf die – für mich – versteckten sexuellen Anspielungen hindeuten. Vorsicht also bei allen hoch aufragenden Zypressen oder Fischen.

Blick in die Ausstellung, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Blick in die Ausstellung, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Die Ausstellung widmet sich aber nicht nur Salvador Dalí, sondern bringt dem Besucher auch das Leben Sigmund Freuds näher, wobei der Schwerpunkt der Ausstellung bei jenen Werken Dalís liegt, die mit seiner Entdeckung der Psychoanalyse geschaffen wurden bis zu dem Zeitpunkt an dem Freud stirbt und damit die psychoanalytische Phase Dalís endet.

Blick in die Ausstellung, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Blick in die Ausstellung, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Rund hundert Ausstellungsstücke von internationalem Rang sind zu sehen, darunter einige wunderschöne Werke von Dalí. Durch das Konzept der Schau ist es zwar möglich sehr nahe an die einzelnen Werke heranzurücken, dennoch erscheint mir der Raum zu klein, wenn die Ausstellung dem Besucherzustrom erhält, den sie verdient. Es ist auch schwierig, den Filmen, die gezeigt werden, konzentriert zu folgen, wenn gerade eine Führung stattfindet oder eine größere Gruppe diskutierend vorbei geht.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

Will man länger vor einem Bild verweilen, bekommt man fast ein schlechtes Gewissen, da man schon die nächsten Interessierten im Rücken fühlt. Dieser Umstand ist gerade bei Bildern schade, die so viele interessante Details bieten, wie Dalís Werke.

Salvador Dalí, Remorse. Sphinx Embedded in the Sand (Reue. Sphinx im Sand begraben), © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022
Salvador Dalí, Remorse. Sphinx Embedded in the Sand (Reue. Sphinx im Sand begraben), © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022

Dennoch: Wer sich für Dalí, Freud und/oder den Surrealismus interessiert, sollte die Ausstellung unbedingt besuchen. Wenn ihr es einrichten könnt, versucht einen Tag/einen Zeitraum zu finden, der normalerweise nicht überlaufen ist.

Dann kann man sich sicher an den Werken Dalís erfreuen, die Querbeziehungen zu Freud studieren, die Interpretationen zu den Bildern lesen und sich seine eigenen Gedanken machen. Mir hat es jedenfalls gefallen – und auch dazu gebracht, wieder einmal ein bisschen zum Surrealismus nachzulesen und auch über Freud wieder einmal ein bisschen nachzulesen. Wenigstens ein bisschen …

Das Untere Belvedere ist von Montag bis Sonntag von 10.00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Jeweils am Samstag finden um 15:30 Uhr Überblicksführungen statt. Jeweils am 2.3., 4.5., und 5.4. findet eine Fokusführung um 16:30 Uhr statt. Tickets kann man online buchen unter https://www.belvedere.at/tickets

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