Enricos Reisenotizen

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arm & reich im Dom Museum Wien

arm & reich im Dom Museum Wienarm & reich im Dom Museum Wien

Auch wenn die Ausstellung wieder durch einen (?) Lockdown unterbrochen werden musste: bis 28.8.2022 habt ihr noch Gelegenheit die sehenswerte Schau im Dom Museum zu besuchen.

Das Covid19-Virus tobt noch immer durch die Welt und erfindet sich immer wieder mit neuen ansteckenden Varianten neu. Die Schere zwischen arm und reich, die sich bereits vor der Pandemie durch neoliberale Politik immer mehr weitete, geht dadurch noch weiter auf. Die Arbeitslosigkeit steigt, immer mehr Menschen stehen am Rande ihrer materiellen Existenz, suchen Überbrückungshilfen, brauchen Notschlafstellen und Sozialmärkte um über die Runden kommen zu können. Die Armut steigt, aber auch der Reichtum. Mäzenatentum tritt wieder anstatt sozialer Absicherung.

Die Reichen und die Armen
Die Reichen und die Armen

Auch die Kirche steht wieder im Mittelpunkt: auf der einen Seite wird ihr der Reichtum, den sie in früherer Zeit angehäuft hat vorgehalten, auf der anderen Seite bekommt sie durch die Tätigkeit der Caritas einen immer größer werdenden Stellenwert in der Gesellschaft.

Beeindruckend gleich am Beginn der Ausstellung: Der Obdachlose
Beeindruckend gleich am Beginn der Ausstellung: Der Obdachlose

Keine Frage also, dass dieses Thema wie kein anderes zum Dom Museum passt und gleich im ersten Raum in der gesamten Bandbreite sichtbar wird.

Der Heilige Martin teilt seinen Mantel mit dem Bettler
Der Heilige Martin teilt seinen Mantel mit dem Bettler

So fällt der Blick zuerst auf einen – wie echt wirkenden – Bettler, der in sich zusammengesunken um eine milde Gabe bittet, während auf der Leuchtschrifttafel neben ihm verschiedene Texte ablaufen. Diese Texte hat der Künstler Albrecht Wild Bettelschildern entnommen, die er Obdachlosen auf der ganzen Welt abgekauft hat.

Inszinierung der Reichen
Inszinierung der Reichen

Gegenübergestellt sind im Raum außerdem eine spätmittelalterliche Tafel, die den Heiligen Martin zeigt, wie er seinen Mantel zeigt und Fotografien der libanesischen Künstlerin Lamia Maria Abillama aus der Serie „Ladies of Rio". Diese zeigen den reichen, weißen Geldadel und seine „einheimischen" Bedienstete.

Die Reichen
Die Reichen

Der nächste Raum der zum Thema „Gesichter und Geschichten" ausgestattet wurde, stellt zwei Wände mit starken Kontrasten gegeneinander. Während eine Seite den Wohlhabenden und reichen Frauen, Kindern und Männer gewidmet ist, zeigt die gegenüberliegende Wand Bilder von armen, hungernden und bettelnden Menschen. Unter anderem wird Andrea Appianis „Napoleon I. Bonaparte als König von Itlaien" und Luca Giordanos „Bettler-Philosophen-Porträt" gegenübergestellt.

Kinderarbeit einst - doch leider gibt es sie noch immer
Kinderarbeit einst - doch leider gibt es sie noch immer

Auch der nächste Raum zum Titel „Kritik, Widerstand und Protest" lädt zum Nachdenken ein. Dafür sorgt schon Pieter Bruegels „Die großen Fische fressen die kleinen" und „Kampf der Geldkisten und Sparbüchsen" aus dem 16. Jahrhundert. Irgendwie hat es mich bei der Betrachtung gegruselt: die Bilder drücken für mich die Hoffnungslosigkeit der „Kleinen und Armen" aus, die eigentlich nie eine Chance haben, groß zu werden oder gegen die „Großen" aufzumucken.

Die großen Fische fressen die Kleinen - und die Schnellen die Langsamen
Die großen Fische fressen die Kleinen - und die Schnellen die Langsamen

Der nächste Abschnitt der Ausstellung beschäftigt sich mit dem Thema Symbole, Materialien und Werte. Neben einer riesigen Euromünze, die über einer Vitrine drohnt, wird hier unter anderem ein Kelch aus Gold- und Edelsteinen einem schlichten Zinnkelch gegen übergestellt, um so auch den Umgang der Kirche mit arm und reich zu thematisieren.

Museusdirektorin Johanna Schwanberg bei der Presseführung
Museumsdirektorin Johanna Schwanberg bei der Presseführung

Ein Reliquiar mit Erde vom Garb des Heiligen Franziskus symbolisiert mit schlichter Form und „einfachen, armen" Materialien das Denken des Heiligen und dessen Verständnis für die Armen der Gesellschaft. Damit stellt man den hohen spirituellen Wert den einfachen Gegenständen gegenüber.

Mein Highlight der Ausstellung
Mein Highlight der Ausstellung

Diese kleine Welt der bunten Ziegelsteinhütten und –häusern nimmt auch auf Wien und das Dom Museum Bezug. Im Video wieder kann man sehen, mit welcher Begeisterung die Jugendlichen an dieser kleinen Welt weiterbauen. Dieser kleine Stadtteil und die Begeisterung ihrer Schöpfer war für mich auch deshalb so beeindruckend, da das Projekt zeigt, wie wenig Material man eigentlich braucht, um Wunderbares zu schaffen – und wer von den Reichen und Schönen mit all ihrem Geld hätte den Jugendlichen schon so ein tolles Werk zugetraut. 

Davor zu stehen und die vielen Kleinigkeiten zu betrachten, dem Video zuzusehen macht es schon Wert die Ausstellung zu besuchen. Wer keine Zeit findet hineinzugehen – was wirklich schade wäre – sollte zumindest die Glasfassade des Dom Museum Wien betrachten: Ein Foto des „Projeto Morrinho" ziert die Glasfassade des Museums am Stephansplatz.

Der letzte Teilbereich der Ausstellung beschäftigt sich mit Teilen und Teilhabe und zeigt Wege auf, wie Kunst für Ungleichheit sensibilisieren oder zum Umdenken und Handeln motivieren kann. So arbeitete Thomas Struth 2004 mit von Armut Betroffenen bei seinem Projekt „Obdachlose fotografieren Passanten".

Isa Rosenberger wieder vermittelt in ihrer Arbeit was es bedeutet, zu arbeiten und trotzdem arm zu sein, ein Umstand, der sehr oft vor allem Frauen betrifft.

Armut ist sehr oft weiblich
Armut ist sehr oft weiblich

Wer sich für seinen Besuch genügend Zeit nimmt, wird nicht nur von den hervorragenden Kunstwerken, die sich keiner bestimmten Epoche oder Kunstrichtung widmen, sondern die nur das Thema der Ausstellung verbunden sind, erfreuen, sondern auch nachdenklich (hoffentlich!) die Räume wieder verlassen.

Das Video vom Projeto Morrinho
Das Video vom Projeto Morrinho

Vielleicht erkennen dann wieder einige Menschen und MitbürgerInnen mehr, dass es eben nicht nur auf Leistung und Geld ankommt, dass man auch mit Fleiß unvermittelt in die Armut abrutschen kann und dass ein funktionierendes Sozialsystem VOR das Mäzenatentum großer Firmen oder Millionäre gestellt werden sollte. Genügend Geld dafür wäre im Umlauf, wenn alle fair und sinnvoll zur Kasse gebeten werden. Es ist wieder an der Zeit sich für mehr Gemeinsamkeit und Solidarität einzusetzen. Nicht als Almosen, sondern aus Selbstverständlichkeit – für alle.

Das Dom Museum Wien hat (nach dem Lockdown) immer von Mittwoch bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Montag und Dienstag ist geschlossen, jeden Donnerstag ist das Museum bis 21:00 Uhr geöffnet.

Die Ausstellung ist bis 28.8.2022 zu sehen. Zu Ausstellung ist ein Katalog erschienen und es sind auch zahlreiche Veranstaltungen geplant. Bitte informiert euch auf der Website des Dom Museums ob und wann welches Rahmenprogramm stattfinden kann und welche Covid-Maßnahmen zum jeweiligen Zeitpunkt eingehalten werden müssen.

Steine, Steine, Steine ….
1fach Komik im Theater franzjosefskai21

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